Partizipation
Was ist Partizipation?
Die Schweiz hat mit der Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention bereits 1997 die rechtliche Grundlage dafür geschaffen, dass Kinder und Jugendliche bei Angelegenheiten, die sie betreffen, ein Mitspracherecht haben. Dazu gehört der schulische Alltag, weshalb Mitbestimmung als Grundsatz auch in vielen kantonalen Schulgesetzen verankert ist. Partizipation in der Schule umzusetzen beinhaltet, die Sichtweise von Kindern und Jugendlichen anzuhören und in Entscheidungen einzubeziehen. Mitbestimmung soll dabei nicht als separates Projekt gedacht werden, sondern stellt bestenfalls eine Grundhaltung dar, die bei Veränderungen in den verschiedensten schulischen Bereichen zum Tragen kommt: Beispielsweise kann die Sichtweise der Schüler:innen berücksichtigt werden, wenn es um die Gestaltung des Schulhauses geht, die Planung eines Tagesschulkonzepts ansteht, aber genauso bei Fragen der Unterrichtsentwicklung oder der Beurteilung. Mit den Schüler:innen in einen Dialog darüber zu treten, was ihre Anliegen zu einem Thema sind, sich in einen gemeinsamen Aushandlungsprozess zu begeben, der die Sichtweisen von Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen einschliesst, kennzeichnet einen partizipativen Prozess und führt in vielen Fällen zu einer veränderten Schul- und Beziehungskultur. Im Rahmen des Projekts „Partizipative Schulentwicklung – Unterricht mit Schüler:innen gestalten (PASUS)“ wurden von 2020-2024 Prozesse von Schüler:innenpartizipation an Schulen erforscht und gestaltet. Partizipative Schulentwicklung – PHZH
Faktoren
Lernen der Schüler:innen
Schüler:innen sind Expert:innen für ihr eigenes Lernen. Diese Sichtweise setzt sich mehr und mehr durch, wovon nicht zuletzt die Verbreitung von Konzepten wie selbstgesteuertem Lernen zeugt. Dennoch hält sich die Überzeugung, dass die Hoheit der Unterrichtsplanung allein bei den Lehrpersonen liegen muss, teils hartnäckig. Partizipation auch im Bereich des Lernens zu ermöglichen, bedeutet, mit Schüler:innen darüber zu sprechen, wie sie ihren Lernprozess ideal gestalten können, was ihnen beim Lernen hilft. Ein hilfreiches Vorgehen hierbei kann das regelmässige Einholen von Feedback sein. Weitere Methoden, Schüler:innen in die Gestaltung von Lernprozessen aktiver einzubeziehen, ist es, ihnen echte Wahlmöglichkeiten zu bieten, ihre Interessen in die Unterrichtsinhalte sowie die Art der Bearbeitung dieser Inhalte einzubeziehen. Der Lehrplan 21 mit seiner Orientierung an Kompetenzen bietet den Lehrpersonen mehr Flexibilität. Ein Blick über den Tellerrand, d.h. den eigenen Unterricht hinaus in andere Klassen oder gar andere Schulen kann inspirieren.
Haltungen und Emotionen
Die Anforderung, Partizipation umzusetzen, kann Widerstände auslösen, die oft damit zusammenhängen, dass die Erwachsenen einen Machtverlust fürchten und den Eindruck haben, sie müssten nun alles den Wünschen der Schüler:innen unterordnen. Bei Partizipation soll es jedoch nicht um ein „Wunscherfüllen“ zu Gunsten der Schüler:innen gehen, sondern vielmehr um einen gemeinsamen Aushandlungsprozess zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, in dem alle Sichtweisen gleichermassen ihre Berechtigung haben. Es kann helfen, sich diesem Prozess schrittweise anzunähern und sich von der Vorstellung zu lösen, es müsse gleich ein Maximum an Mitbestimmung erreicht werden. Ein vorsichtiges Ausprobieren, das durchaus auch Momente des Scheiterns enthalten darf, ist erlaubt.
Kooperation und Kommunikation
Da Partizipation als Querschnittsthema gedacht ist, das über die verschiedensten Bereiche des Schullebens hinweg relevant ist, ist der Austausch und die Zusammenarbeit im Team von zentraler Bedeutung. Das muss nicht heissen, dass alle von Anfang an gleich überzeugt sind, partizipativ zu arbeiten, es kann aber gerade hilfreich sein, dass Erfolge, Beispiele und individuelle Erfahrungen geteilt werden und Raum besteht, sich darüber auszutauschen. Es kann auch hilfreich sein, bestimmte Themenverantwortliche für das Thema Partizipation innerhalb der Schule auszumachen, dennoch sollte das Thema nicht auf diese abgeschoben werden, sondern im Idealfall von allen mitgedacht werden. Eine Verankerung im Schulprogramm kann hierfür hilfreich sein.
Rahmenbedingungen
Rahmenbedingungen für Partizipation werden zum einen durch die gesetzlichen Vorgaben – von der UN-Kinderrechtskonvention über das Schulgesetz bis hin zum Lehrplan – geregelt. Zum anderen sind für die konkrete Gestaltung von Partizipation auch die bestehenden Strukturen und Bedingungen vor Ort von Relevanz: Wo befindet sich die eigene Schule bei der Entwicklung hin zu einer partizipativen Kultur? Welche Positionen sind im Team vertreten, welche Rolle nimmt die Schulleitung ein, wie ist die Elternschaft dem Thema gegenüber eingestellt? Sind schon partizipative Strukturen vorhanden, möglicherweise auch im Lehrpersonenteam? Besteht ein geteiltes Verständnis darüber, wie Partizipation am eigenen Standort aussehen kann? Oder steht ein Austausch hierüber erst am Anfang? Es lohnt, sich Zeit zu nehmen, die besonderen Voraussetzungen und Gegebenheiten der eigenen Schule hier genauer zu prüfen und zu berücksichtigen. UNKRK Artikel 12 Absatz 1 VSG (Beispiel Kanton Zürich) VSG Abschnitt 6 A §50 Absatz 3 LP21 (Beispiel Kanton Zürich): Verankerung von Partizipation als Didaktisches Prinzip, Schüler:innen als Mitgestaltende unter der Leitidee Nachhaltiger Entwicklung, Schule als Ort des partizipativen Lernens. Lehrplan 21
Führung
Dynamiken
Gesellschaft
Demokratie wird durch Partizipation direkt erfahrbar, z.B. indem
- Schülerinnen und Schüler ernsthaft nach ihrer Meinung gefragt werden
- sich ihrem Alter entsprechend äussern können
- demokratische Prozesse in Gefässen wie dem Klassenrat oder dem Schulparlament erleben
- und Mitbestimmung bei vielen Entscheidungsprozessen im Unterricht üben können.
Welche Handlungsaspekte sind zentral?
Die Handlungsaspekte fokussieren das «Wie» von Schulentwicklungsprozessen und helfen, das eigene Handeln zu überprüfen. Möchten Sie das Thema Partizipation an Ihrer Schule stärker verankern? Wenn ja, unterstützen Sie den Prozess, indem Sie
- Austausch ermöglichen,
- zur Informationsgewinnung beitragen,
- Meinungsbildung fördern und
- Entscheidungsfindungen initiieren.
Nachfolgende Aussagen aus einer Schule machen deutlich, worum es bei diesen Aspekten gehen könnte:
Aspekte des Austauschs
In den Dialog treten
Lehrperson: «Die Unterrichtsvorbereitung hat sich so geändert, dass ich die Schüler:innen nun noch mehr frage. Ich war immer schon offen, nun frage ich sie noch öfter: Soll ich das so oder so machen?».
Arbeiten in professionellen Lerngemeinschaften
Lehrperson: «Ich habe gelernt, dass man nicht von Anfang an perfekt ist. Eine Lektion kann auch in die Hose gehen, aus dem lernt man. Ich frage mich dann, was ich tun muss, damit die nächste besser wird».
«Wir sind wirklich zusammengewachsen. Wir wissen nun, wer was kann und wer wo stark ist.»
Aspekte der Informationsgewinnung
Datenbasierte Informationsgewinnung
Forscherin: «Die Daten, die wir sammeln, helfen, das Laufende an der Schule mal zu verschriftlichen, das mal auf ein Blatt zu bringen, zu zeigen, was läuft eigentlich, oder auch die Denkprozesse zusammen zu bringen. Wenn wir das den Schulen gespiegelt haben, haben sie das reflektiv angeschaut und sind miteinander in die Diskussion gekommen.»
Lehrperson: «Die Unterrichtsvorbereitung hat sich für mich so geändert, dass ich Schülerinnen und Schüler öfter einbeziehe, dass ich sie jetzt öfters frage. Also nicht nur nach Themen, sondern z.B. auch – würdest du das eher so oder so machen?».
«Gestern z.B. – ich habe ein Spiel, das ich mit der 1. Sek machen wollte, und habe die 3. Sek. gefragt, ob wir das kurz ausprobieren können und dass sie mir bitte sagen sollen, wie ich es in der 1. Sek. machen kann, damit das gut wird. Das hätte ich früher noch nicht so gemacht.»
Eine fragende Haltung entwickeln
Schüler: «Was die Lehrer:innen lernen könnten, ist das Feedback von den Schüler:innen und nicht immer nur von anderen Lehrer:innen zu hören».
Lehrperson: «Ich lerne bei jedem Input von den Jugendlichen selbst etwas dazu. Für mich ist es extrem spannend zu sehen, was sie als guten Unterricht empfinden, was sie gerne einbauen würden. Ich versuche dann auch in Zukunft diese Dinge einzubauen und selber umzusetzen. Sie haben sehr spannende Ideen, wie sie das machen würden.»
Neue Erfahrungen ermöglichen
Schüler zur Erfahrung der Unterrichtsbeobachtung: «Von aussen in den Unterricht reinzuschauen, ist für mich auch mal spannend, denn ich habe das so noch nie gemacht. Man kann dann auch ein bisschen wissen, wie es für die Lehrerin ist. Und man sieht, wie sie [die Schüler:innen] die Aufgaben finden und wie gut sie mitmachen»
Schüler: «Es wird sich vielleicht verändern, dass die Schüler:innen mehr Spass im Unterricht haben, dass sie vielleicht mehr aufpassen, besser mitmachen, vielleicht auch mehr lernen, das wird sich vielleicht oder wahrscheinlich verändern.»
Aspekte der Meinungsbildung
Implizites Wissen und Erfahrungen explizit machen
Beobachten
Lehrperson: «Ich habe für mich persönlich mitgenommen, dass man nicht von Anfang an perfekt ist. Eine Stunde kann auch mal wirklich daneben gehen und daraus lernt man. Ich kann seit diesem Projekt auch Stunden lockerer angehen und denken, ok, die lief jetzt nicht so gut, in der nächsten frage ich, was ich machen muss, damit es besser wird. Jetzt denke ich wirklich, oder frage die Schüler – ihr könnt am Schluss sagen, ob es gut war oder nicht, aber wir probieren es jetzt aus.»
Aspekte der Entscheidungsfindung
Schulleiterin: «Die grösste Herausforderung, um die Anliegen der Schülerinnen und Schüler ernst zu nehmen, sehe ich klar darin, dass manchmal Wünsche oder Anliegen auftauchen, die so nicht umsetzbar sind, im Gesamtkontext Schule, dass wir nicht auf alles eingehen können. Aber es ist wahnsinnig wichtig, dass dann aus diesen Anliegen etwas entsteht, dass man sie ernsthaft diskutiert und evidenzbasiert auch Entscheidungen trifft, warum es geht oder warum nicht.»
Praxisbeispiele
Die Praxisbeispiele werden fortlaufend ergänzt.
